Pharma-Debatte eskaliert: Wer sichert Deutschlands Arzneimittelversorgung wirklich?
Johanna SchwarzPharma-Debatte eskaliert: Wer sichert Deutschlands Arzneimittelversorgung wirklich?
Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatts entbrannte eine hitzige Debatte, als Branchenführer über die Widerstandsfähigkeit der Arzneimittelversorgung in Europa aneinandergerieten. Vertreter von Pharmaunternehmen und Krankenkassen lagen in zentralen Fragen wie Lagerbeständen, Handelsabkommen und der Abhängigkeit von ausländischer Produktion weit auseinander. Der Austausch offenbarten tiefe Gräben darüber, wie die medizinischen Lieferketten Deutschlands gesichert werden können.
Deutschland hat in den vergangenen Jahren Schritte unternommen, um seine pharmazeutische Unabhängigkeit zu stärken. Mit der Pharma-Strategie 2030, die 2023 beschlossen und 2025 aktualisiert wurde, hat das Land 500 Millionen Euro in die heimische Produktion von Wirkstoffen (APIs) und die Resilienz der Lieferketten investiert. Das 2024 ausgeweitete Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz untermauerte diese Bemühungen zusätzlich. Im Vergleich zu anderen EU-Staaten nimmt Deutschland zusammen mit Frankreich, das im Rahmen von Plan France 2030 sieben Milliarden Euro bereitstellte, und den Niederlanden, die 2024 nationale Lagerbestände einführten, eine Führungsrolle ein. Italien und Spanien hingegen haben deutlich weniger Mittel (200–300 Millionen Euro) bereitgestellt und setzen stattdessen auf EU-weite Initiativen wie den Critical Medicines Act (2025).
Auf der Konferenz wies Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), das Regierungsziel eines sechsmonatigen Lagerbestands als unzureichend zurück. Echte Vorsorge erfordere seiner Meinung nach die Definition realistischer Szenarien statt willkürlich festgelegter Reserven. Inanc kritisierte zudem die Annahme, dass die logistische Resilienz garantiert sei, und forderte eine offene Debatte über systemische Schwächen.
Thomas Weigold, Chef von Sandoz/Hexal in Deutschland, plädierte für eine größere Eigenständigkeit, insbesondere bei Antibiotika und Generika, wo die Abhängigkeit von China nach wie vor hoch ist. Das geplante Freihandelsabkommen mit Indien bezeichnete er als "absurd" – zwar könne es kurzfristige wirtschaftliche Vorteile bringen, langfristig untergrabe es jedoch die Widerstandsfähigkeit Europas. Tim Steimle, Pharmazievorstand der Techniker Krankenkasse (TK), entgegnete, dass Rabattverträge bereits in Liefervereinbarungen übergegangen seien – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln. Den Indien-Handelsdeal unterstützte er als Mittel zur Verbesserung der Versorgungssicherheit.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), argumentierte, dass die Bevorratung von Generika unpraktikabel sei. Gesundheits-, Industrie- und Sicherheitspolitik seien heute untrennbar miteinander verknüpft, betonte er. Joachimsen warnte, dass die Ignoranz gegenüber Europas Verwundbarkeiten die Gefahr berge, die Halbleiterkrise zu wiederholen – als übermäßige Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu schweren Engpässen führte.
Die Krankenkassen hingegen relativierten die Sorgen der Industrie als übertrieben. Sie hielten die aktuellen Maßnahmen, einschließlich der sechsmonatigen Reserve, für ausreichend, um Versorgungsengpässe zu verhindern.
Die Debatte legte einen klaren Konflikt zwischen Kassen und Pharmaführern offen: Während die Kassen die bestehenden Regelungen für wirksam erachten, fordern Branchenvertreter tiefgreifendere Reformen, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern. Deutschlands Investitionen in die heimische Produktion und Lagerbestände bleiben zwar zentral – doch langfristige Lösungen stoßen weiterhin auf Widerstand.






